So hat Gott die Welt geliebt

Das menschliche Wissen ist in den letzten Jahrhunderten weit über das hinausgewachsen, was frühere Generationen sich hätten vorstellen können. Das wurde möglich, weil wir das begrenzte Fachwissen pflegen, hochachten und weiterentwickeln. Einzelne Menschen wissen über immere enger begrenzte Ausschnitte der Wirklichkeit immer mehr und beherrschen dadurch immer leistungsfähigere Techniken – und respektieren, dass andere über andere Fachkenntnisse verfügen, von denen sie selber kaum etwas verstehen. Mit dieser disziplinierten Konzenteration auf das je wieder andere Spezielwissen haben Forschende und Techniker immer noch neue Kenntnisse gewonnen. So weiss jeder seriöse Berufsmann von seinem Fachgebiet fast alles – und  von allem übrigen oft weit weniger als die Menschen in vorangegangenen Zeiten.

Diese programmatische Reduktion des eigenen Wissen auf immer kleinere Teilbereiche hat ein gutes biblisches Recht. Der Apostel Paulus schreibt: „Unser Wissen ist Stückwerk“ (1. Korinther 13,12). Der Apostel macht Mut, sich über das begrenzte Wissen zu freuen und es zu nutzen! Aber er erinnert gleichzeitig an das andere: Kein Mensch hat die alles umfassende Kenntnis, so dass er verständnisvoll alles zum letztendlich Guten fügen könnte. Einzig Gott kann das Stückwerk zusammensetzen und zu seiner guten Vollendung bringen. Und wenn er das tut, wird auch das höchste menschliche Wissen davon weit übertroffen.

In der Spannung zwischen den gewaltig angewachsenen Wissensbeständen und dem vergleichsweise bescheidenen Wissen eines jeden Einzelnen ist es umso wichtiger, das Wissen zu pflegen, an dem Gott dem Glauben Anteil gibt. Es sind Fragmente, die begrenzte Einblicke in Gottes Wollen und Wirken gewähren. Als solche verleihen sie Gewissheit und Urteilskraft, gerade auch im Hinblick auf das, was auch der gläubige Mensch nicht wissen kann und nicht wissen soll.

Auch die theologische Forschung und Lehre hat hat in den letzten Jahrzehnten in einzelnen Teilbereichen wichtige neue Erkenntnisse gewonnen. Andere, ältere Wissensbestände sind dagegen oft verdrängt und nicht mit frischer Intensität in das Denken einbezogen worden. Vor allem aber hat es nur einen ganz ernsthaften Versuch gegeben, der Menge der Kirchenmitglieder ein solides Wissen zu vermitteln: Denjenigen der römisch-katholischen Kirche, die 1993 in vielen verschiedenen Sprachen ihren grossen Katechismus publiziert hat. In den evangelischen Kirchen wurden hier oder dort noch die elementaren Lehrstücke der reformatorischen Katechismen weitergegeben. Und im Bemühen um die erwachsenen Kirchenglieder wurden – mit manchmal recht grossem Erfolg – in Kursen wie „Alphalive“ die Lehrsätze vermittelt, mit denen das evangelikale Glaubensverständnis zur persönlichen Bekehrung hinführen will. Im Allgemeinen aber haben die evangelischen Kirchen darauf verzichtet, ihren Gliedern Anteil zu geben an dem Wissen, das ein mündiges Urteil in Glaubensfragen ermöglicht. Bevor auch nur die elementarsten Kenntnisse von der Geschichte Israels und den Zeugnissen der Apostel vermittelt waren, wurden alle zur Mitsprache in den Fragen des Glaubens ermutigt. Statt realitätsnahe Erkenntnisse wurden in den Kirchen die je eigenen Ideen und Befindlichkeiten zum Gegenstand des respektvollen Gesprächs. Wer naiv nach der Wahrheit fragte und beunruhigt zum Beispiel eine einfache Antwort auf die Frage begehrte, warum sich in den Erfahrungen dieser Weltzeit unbegreiflich Schönes mit ebenso unfassbar Grauenhaftem vermischt, musste anderswo suchen als in den Kirchen. In den Kirchen warb ein vorauseilendes Verständnis für alle und alles darum, auch dem alten Gott verständnisvoll zu begegnen, weil er auch nichts anderes wolle als das, was jeder einigermassen anständige Mensch will.

Der Zerfall des Urteilsvermögens in der evangelischen Frömmigkeit ist eine kulturelle Katastrophe, deren fatale Folgen sich im Triumpf der rein ökonomischen Argumente und der populistischen Simplifikationen zeigen. Demokratien haben bislang nur in Ländern überlebt, in denen das Evangelium einem nüchternen Realitätssinn und einer Bereitschaft zum geduldigen Ertragen der anderen den Weg bereitet hat.

Seit ihrer Gründung hat die Stiftung Bruder Klaus sich dafür engagiert, dass die Botschaft des Evangeliums, so wie es die europäischen Gemeinwesen geformt hat, neu zur Kenntnis genommen und bedacht wird. Zu diesem Zweck hat sie auch ein kleines Heft zusammengestellt, das Jugendliche durch ihre Unterweisung leiten kann. In seiner schlichten Form macht es beides anschaulich: Zum einen bietet es eine ganz offenkundig vereinfachende Zusammenstellung der Wahrheitsfragmente, die den Glauben an Gott tragen und nähren. Zum andern repräsentiert es eine menschlich mögliche und vernünftig verantwortete Aneignung dessen, was sich von Gott sagen lässt. So macht es greifbar, dass die Unterweisung im Glauben nicht ein unverbindliches Jekami ist, und dass sie auch nicht nur eben den Einfällen eines Pfarrers folgt, sondern überlegt und zielgerichtet geschieht (und deshalb auch den Einsatz von Zeit und Lernbereitschaft wert ist).

In den 33 Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer habe ich mehr als 500 Jugendliche nach diesem Leitfaden unterrichtet, zuerst in der touristisch geprägten Landgemeinde Zweisimmen, dann am Münster im Zentrum der Stadt Basel und schliesslich in der Gemeinde der Bauern und Handwerker im appenzellischen Hundwil. Meistens waren die Schülerinnen und Schüler dreizehn bis sechzehn Jahre alt. Doch habe ich auch von den Helferinnen und Helfern der Sonntagsschule und des Jugendgottesdienstes gehört, was die noch jüngeren Kinder bewegt. Und schliesslich habe ich mit meiner Frau zusammen auch Materialen zu gestalten versucht, die helfen möchten, wenn es darum geht, das Evangelium behinderten Kindern weiterzugeben.

Während dieser ganzen Zeit haben die kritischen Rückfragen der Jugendlichen, aber auch ihr Verstehen und eigenständiges Weiterdenken neue Einsichten erschlossen und zu neuen Formulierungen genötigt.

In verschiedenen Gemeinden habe ich diese Stücke auch in Kursen für Erwachsene behandelt und dabei erfahren, dass sie unabhängig vom Alter den Kirchengliedern Halt, Orientierung und eine frische Zuversicht im Vertrauen auf Gott vermitteln. Ob die Generation, die nach Jahren einer angespannten Einbindung in Beruf und Familie nun in Pension geht, und die nun zurückblicken kann auf das, was aus ihrem Einsatz geworden ist, sich noch einmal die Zeit nimmt und sich auf ein neues Fragen nach der Tragkraft des Evangeliums einlässt?

Auf dieser Homepage dokumentiere ich deshalb nach und nach den Unterricht, wie ich ihn Jungen und Alten gegeben, und die Hilfsmitteln, die ich dabei verwendet habe. Wer mag, kann sich davon inspirieren lassen und daraus auch ganz handfest und praktisch schöpfen. Und wer es besser macht, soll das unbedingt tun – und anderen Anteil geben an seinem Vermögen!

Hundwil, im Herbst 2016
Paul Bernhard Rothen, Pfarrer Dr. theol., Präsident der Stiftung Bruder Klaus

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