1. 2 Jesus, der Christus

Im Kosmos der Weltliteratur repräsentieren die vier Evangelien eine eigen- und einzigartige Form. Wer auch schon das Markusevangelium, das kürzeste, in einem Zug durchzulesen versucht, wird bald einmal feststellen, dass das zwar faszinierend und spannend sein kann, dass er am Ende aber kaum noch zu sagen weiss, was er alles gelesen hat und wie sein Denken und Empfinden geleitet worden ist. Überreich sind die Texte, gespickt mit unzählig vielen Querverweisen, nur selten unmittelbar ergreifend, und ohne Lesehilfen, die es Schritt um Schritt möglich machen würden, sich zu orientieren und zu verstehen, wozu die Informationen geboten und die scheinbar so einfachen Bilder dargeboten werden.

Nur eines ist ganz offensichtlich: Die Evangelien wollen den Glauben an Jesus Christus hervorrufen, begründen, nähren und stärken. Sie sind wie gemacht, um eine gottesdienstliche Gemeinde von Woche zu Woche zu begleiten und sie mit einzelnen Bruchstücken herauszufordern, so dass ihr Glaube sich wundern und sich an ihren Worten wieder bescheiden, getröstet und mit frischer Zuversicht begabt aufrichten kann.

Das setzt voraus, dass die Evangelien nicht mit falschen, selbstsicheren und überheblichen Erwartungen, sondern sachgerecht gelesen werden, und dass es elementare Kenntnissen den gottesdienstlichen Hörern leichter machen, den Reden, Erzählungen und Erklärungen zu folgen. Deshalb ist es sinnvoll, im Unterricht einmal ein ganzes Evangelium durchzulesen. Das vermittelt als erstes den Eindruck, wie überschwer und in vielem fremd die Botschaft ist, die das Gottvertrauen schafft, aber ebenso, wie tief verwurzelt sie in den Realitäten des Lebens ist und wie präzise sie das Göttliche und das Menschliche zusammenführt.

So können die geschichtlichen Informationen über die sozialen und politischen Gegebenheiten in der Lebenszeit Jesu einen ersten Eindruck vermitteln, dass die Evangelien keine abgehobenen Phantasiewelt aufbauen, sondern eingebettet sind in das, was hier in dieser Welt geschehen ist und noch immer geschieht. Es gab und gibt Berufe und ihr fachliches Können. In Fischer weiss, wann es sich lohnen kann, zum Fang hinauszufahren, und wann ein Sturm gefährlich wird. Ein Zöllner war damals Privatunternehmer, anders als die heutigen Zöllner, die dank unserem Beamtenrecht nicht mehr in der Versuchung sind, die Menschen zu erpressen und zu betrügen. Und ein Schriftgelehrter wiederum hatte ein anderes, für das jüdische Volk notwendiges Wissen. Wie jedes einigermassen freie Volk war auch das jüdische in Parteien gespalten. Die Sadduzäer und die Pharisäer, die immer wieder genannt werden, hatten ein je sehr anderes Verständnis ihrer Traditionen und althergebrachten heiligen Schriften. Sie hatten auch sehr unterschiedliche Interessen. Zudem war  Israel besetztes Land. Wie war die Macht zwischen den religiösen und den politischen Herrschern aufgeteilt? Wie lebte ein römischer Hauptmann? Warum konnte nur der Statthalter ein ordentliches Todesurteil aussprechen? Usw. Wie zu allen Zeiten gab es nicht nur einzelne Menschen mit ihren Lebenshoffnungen und Ängsten. Vielmehr waren sie, so wie wir heute, eingebettet in ein Gemeinwesen, das in vielen Abhängigkeiten Geborgenheit und Heimat schenkte, aber auch einschränkte und Grenzen setzte – und das, so wie unser Gemeinwesen heute, alles andere als leicht zu durchschauen und zu verstehen war.

Aus den Evangelien kann man also auch lernen, die Realitäten dieser Welt zu beachten und richtig einzuschätzen.

Aber so sehr die Reden und Taten von Jesus eingebettet werden in die Gegebenheiten seiner Lebenszeit, so heben sie ihn doch auch wieder hinaus aus allem, was raumzeitlich vorstellbar ist. Drei seiner Jünger erleben mit, wie seine Person (und seine Kleider) verwandelt werden in eine Lichtgestalt, und wie er über den Zeitlauf erhöht mit Mose und Elia redet. Je wieder macht Jesus mit seiner Gegenwart eine unheimliche, gemeinhin verborgene Dimension des menschlichen Daseins sichtbar: Dämonen zerren an den Menschen und fahren schreiend aus ihnen aus. Matthäus und Lukas berichten, in je anderer Reihenfolge, wie Jesus drei Mal vom Teufel versucht wird. Die Versuchung besteht in ihrem Kern in der scheinbar frommen Herausforderung: „Bist du Gottes Sohn, dann…“ Sie ist wie ein Echo der Lüge, mit der die Menschen im Paradies verführt worden sind: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Gott, so lügen seither unzählig viele falsche Gottesbilder, ist Wissen und Macht (und wenn er dem Unrecht seinen Lauf lässt, dann gibt es ihn nicht).

Das gibt auch Anlass, darüber nachzudenken, wie sich die Wunder, die Jesus tut, unterscheiden von dem, wozu ihn der Teufel herausfordert. Was ist grundsätzlich anders, wenn Jesus zwar Wasser in Wein verwandelt und mit wenigen Broten und Fischen den Unger einer riesigen Volksmenge stillt – und wenn der Versucher ihm ans Herz legt, er solle Steine in Brot verwandeln?

Auf dem Hintergrund dessen, was in den Evangelien zu lesen steht, ist es kein abstraktes Dogma, wenn das Konzil von Chalcedon im Jahr 451 das Geheimnis der Person Jesu in die Formulierung fasst, er sei wahrer Gott und wahrer Mensch. Das ist nichts, was „man glauben muss“, weil „die Kirche“ es so festgelegt at. Sondern es ist der Versuch, die Erwartungen in  die richtige Richtung zu lenken und eine einfache Hilfestellung zu bieten, so dass die Leser und Hörer des Evangelium seinen Worten mit dem nötigen Respekt zu begegnen und sie nicht in das Schema eigenmächtiger Vorstellungen zu pressen versuchen – als ob nur das möglich sei, was sich ein Mensch als möglich und sinnvoll vorzustellen vermag. Mit guten Gründen loben insbesondere die Weihnachtslieder, dass Jesus beides, das Kind Marias und der Sohn Gottes ist.

Das Hundertguldenblatt
In seinem Kupferstich, den man „Das Hundertguldenblatt“ nennt, macht der Maler Rembrandt van Rijn anschaulich, wie das Evangelium von Jesus Christus auf die Menschen wirkt.
Die Menschen, denen es gut geht, die Macht haben und zuständig sind, über die Wahrheiten des Lebens und das Recht der Lehren zu urteilen, bleiben auf Distanz. Teils spotten sie, teils schotten sie sich ab und reden über das, was ihnen wichtiger scheint. Sie sind äusserlich im hellen Licht; in Rembrandts Bild aber sind sie blass, und ihr Leben ist ohne Tiefe.
In das Leben der Menschen aber, denen es schlecht geht, die krank und arm und notleidend sind, trägt das Evangelium sein Licht und macht es heller. Ihre Gesichter widerspiegeln die Bedrängnis, aber auch die Hoffnung und den Dank. Unter ihnen ist auch eine schön gekleidete Frau, der es offensichtlich gut geht. Aber sie weist auf den notleidenden Mann, der vor ihr liegt, und sucht das Licht des Evangeliums – nicht direkt für sich selber, weil sie es aus einem äusseren Grund nötig hat, sondern aus Liebe und Mitleid zu den vielen Armen. Im Hintergrund trägt ein Kamel einen Mann durch das Stadttor. Es erinnert daran, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in das Reich Gottes – dass aber für Gott alle Dinge möglich sind.

Im Vergleich mit dem Stifter der anderen grossen Weltreligion, dem Buddha, wird erst recht deutlich, wie einzigartig und sonderbar Jesus sein Werk getan hat: In einer ganz kurzen Zeit des Lebens und Wirkens, ohne allgemeine Einsichten und Erfahrungen zur Grundlage seiner Lehre zu machen – aber umso mehr mit dem Anspruch, dass er selber, auch nach seinem Tod und Weggang aus der Welt,  noch immer seine Jünger begleiten und dafür sorgen will, dass sie das Ziel ihres Glaubens erreichen. Im Vergleich zur Frömmigkeitspraxis, in die der Buddha seine ganz ernsthaften Anhänger einführt, ist es eindrücklich und sehr tröstlich, wie wenig Jesus von seinen Nachfolgern verlangt, und wie sehr er sie in der Freude am Leben ermutigt. Das Leben ist nicht ein Meer aus immer neuem Leid, wie es die meditativen heiligen Texte des Buddha sagen. Sondern Gott verwandelt das Leid in Freude. So hat es Jesus seinen Jüngern bei seinem Abschied versprochen.
Der Buddha lehrt seine Jünger

Die Geschichte des Buddha, wie sie den Kindern erzählt wird, fasst die Fragen und Rätsel des Lebens in Bilder, die zu jeder Zeit und an jedem Ort einem ernsthaften Menschen zu denken geben. Auch die Getauften sollten sie kennen, damit sie umso mehr zu schätzen wissen, was ihnen Christus erworben und geschenkt hat.